Die Reformpädagogin Maria Montessori kam durch ihre lebenslange Beschäftigung mit der Entwicklung von Kindern
zu folgender Erkenntnis:
Alle Kinder wollen unabhängig sein und ständig bei Arbeit und Spiel lernen. Die Pflege dieser natürlichen Freude am Lernen wurde in logischer Konsequenz zum Leitmotiv ihrer Methode.
In ihrem Menschenbild spiegelt sich ganz klar das Bemühen, jedes Kind in seiner Einzigartigkeit anzuerkennen, zu achten und zu fördern.
Dieser Ansatz findet in der gegenwärtigen pädagogischen Diskussion große Anerkennung und hat mit dem Leitgedanken „Das Kind steht im Mittelpunkt“ inzwischen sogar Eingang in den offiziellen bayerischen Bildungsplan gefunden.

 

 

1. Die sensiblen Perioden

Eine in der kindlichen Entwicklung wesentliche Entdeckung Maria Montessoris sind die „sensiblen Perioden“. Dies sind - unabhängig vom Alter des Kindes - Phasen besonderer Bereitschaft für den Erwerb bestimmter Fähigkeiten, wie z.B. Sprache, Ordnung, Bewegung, Sinnesentwicklung, Umgangsformen, Aufmerksamkeit für bestimmte Details etc.
Bei jedem Kind öffnet sich beispielsweise ungefähr zwischen dem dritten und zehnten Lebensjahr das Fenster, in dem es von sich aus Interesse an der Schrift entwickelt. Aufgabe des Erwachsenen ist es, diese „sensitiven Phase“, in der das Kind für entsprechende Anregungen empfänglicher ist als außerhalb dieser Phase, zu erkennen und durch geeignete Förderung zu unterstützen.
Findet das Kind während einer sensiblen Phase eine Beschäftigung, die genau seine Bedürfnisse anspricht, ist es zu tiefer Konzentration fähig und durchläuft einen Erkenntnisprozess, der nicht nur sein Denken, sondern seine gesamte Persönlichkeitsentwicklung positiv beeinflusst.
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2. Die Polarisation der Aufmerksamkeit

Maria Montessori beobachtete, dass Kinder die Fähigkeit besitzen, sich lange Zeit in ihr Spiel oder ihre Arbeit in tiefer Konzentration zu versenken. Die Kinder lassen sich dabei kaum stören.
Der Erwachsene sollte das Kind in diesen Moment ungestört arbeiten lassen – es braucht Zeit und Muße. Erwartungsdruck und äußere Zwänge hemmen diesen Vorgang. So entsteht auf freiwilliger Basis eine tiefe, von innen kommende Bindung des Kindes an einen Gegenstand. Durch die ausdauernde Wiederholung einer Tätigkeit wird ein tiefes Eindringen und Verweilen ermöglicht. Erst, wenn für diesen Moment alle Möglichkeiten des Lernens ausgeschöpft sind, wird das Kind die Beschäftigung beenden.
Diese konzentrierte Tätigkeit hat eine harmonisierende Wirkung auf das Kind. Es wird gelöster, heiterer und ausgeglichener.
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3. Der absorbierende Geist

Maria Montessori hat beobachtet, dass das Kind die Fähigkeit hat, intuitiv aus seiner Umgebung Eindrücke ganzheitlich in sich aufzunehmen, ja aufzusaugen. Sie nennt dies „absorbierenden Geist“. Der absorbierende Geist ermöglicht es dem Kind, schon sehr früh und leicht zu lernen. Dabei wählt das Kind unbewusst jeweils nur das aus, was es zum Aufbau seiner Persönlichkeit in diesem Moment braucht.
So lernt es z. B. die Sprache nicht bewusst wie ein Erwachsener eine Fremdsprache lernen würde - nämlich durch Vokabel-Training oder Üben von grammatikalischen Regeln -, sondern es eignet sich die Sprache ganzheitlich an - saugt unbewusst Worte, Wortbedeutungen, Aussprache, Satzbau etc. in sich auf - um sie im Lauf der Jahre völlig fehlerfrei zu beherrschen.
Wichtig, um diese  besondere Lernfähigkeit des Kindes gut zu unterstützen, ist eine geordnete Umgebung, weil die Ordnung dem Kind hilft, seinen Geist zu entfalten.
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4. Die vorbereitete Umgebung

In einer nach Maria Montessori didaktisch vorbereiteten Umgebung gestaltet der Erzieher die Umgebung entsprechend den Bedürfnissen der Kinder so, dass sie einen Anregungs- und Aufforderungscharakter hat: Das Kind findet somit eine Fülle von Materialien – also unterschiedlichste Spiel- und Lernangebote für seine Entwicklung vor.
Durch eine ansprechende Dekoration fühlt sich das Kind wohl und geborgen. Die Möbel sind klein und können von den Kindern selbst getragen bzw. verstellt werden. Auf niedrigen Regalen steht unverschlossen das Spiel- und Arbeits-Material.
Das Material wird entsprechend den „sensiblen“ Perioden der Kinder ausgewählt und bereitgestellt. Das Kind interessiert sich und will selbst tätig werden und experimentieren. Zu gegebener Zeit werden die Materialien durch weitere Materialien ergänzt, die es ermöglichen, das Interesse zu vertiefen und den Lernprozess
am Leben zu erhalten. Wenn sich das Interesse an ihnen erschöpft hat, werden sie ausgetauscht.
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5. Das Freispiel – die Freiarbeit

Das Spielen ist die Arbeit des Kleinkindes auf dem Weg zum Erwachsensein. Es lernt schöpferisch im Experimentieren und Ausprobieren, durch Bewegung und mit allen Sinnen.
Im Gegensatz zum Erwachsenen, der schnell und zielbewusst arbeitet, um mit geringstem Aufwand und möglichst großer Kraftersparnis ein äußeres Ziel zu erreichen, ist für das Kind die Arbeit, das Spiel selbst das Ziel. Das Kind arbeitet, um zu wachsen und sich zu entwickeln.
Ein wesentlicher Grundsatz in der Montessori-Pädagogik ist das Postulat der freien Wahl:
Im Freispiel entscheiden die Kinder selbst, mit wem, mit welchen Material und wo sie wie lange spielen möchten. Selbstständigkeit und authentische Anteilnahme am täglichen Leben können nur erreicht werden, wenn dem Kind die notwendige Freiheit zugestanden wird, seiner inneren Stimme bzw. seinen Bedürfnissen zu gehorchen. Kinder, die in ihrem eigenen Rhythmus und den eigenen Interessen folgend lernen, entwickeln Selbstvertrauen und verinnerlichen das Gelernte so am besten.
Aber Maria Montessori sagt auch: „Die Freiheit des Kindes kann nicht darin bestehen, dass wir es sich selbst überlassen, es vernachlässigen. Nicht durch gleichgültige Untätigkeit helfen wir der kindlichen Seele bei allen Schwierigkeiten ihrer Entwicklung, sondern durch die bedachte Anteilnahme einer liebevollen Fürsorge.“

Dass die Freiheit nur im Rahmen eines sozialen Miteinanders gelebt werden kann, ist eine Selbstverständlichkeit. Parallel zur Wahrnehmung der eigenen freien Wahl steht die Einübung von Rücksichtnahme und gegenseitiger Unterstützung. Die Erzieherin greift ein, wenn ein Kind vor Störungen durch andere zu schützen ist.
Im freien Spiel haben die Kinder im Übrigen auch die Freiheit, Fehler zu machen! Sie sind ein positiver und notwendiger Schritt auf dem langen Weg des Lernens. Nur im Erkennen und Erproben von Umwegen, Sackgassen, Hindernissen kann die „richtige“ Lösung gefunden werden.
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6. Die Haltung der Erzieherin u. die Beziehung zum Kind

Nach Maria Montessori ist oberstes Erziehungsprinzip das Zurücktreten des Erziehers und die Ermutigung zu selbsttätigem und selbstständigem Spielen und Lernen. Der Erwachsene beobachtet das Kind und hält sich im Hintergrund. Bei Bedarf - zu angemessener Zeit auf die Signale des Kindes hin - bietet er Hilfestellung an. Zusätzlich gibt er Impulse, Materialien neu kennen zu lernen oder wieder zu entdecken. Der Erwachsene sollte die Aktivität des Kindes verstehen. Die Aufgabe der Erzieherin ist, eine Atmosphäre des Angenommenseins zu schaffen. Das Kind erlebt die Erzieherin als Ganze Person. Geduld, Verlässlichkeit und ein liebevoller Umgang zeichnen die Beziehung zum Kind aus.
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